Es heisst noch immer das Goldene Zimmer.
Das Goldene Zimmer · Für die Liebsten
Es heisst noch immer das Goldene Zimmer.
Nicht weil es golden ist – das war es einmal, in einer anderen Zeit, unter anderen Händen. Was geblieben ist, ist etwas Besseres als Gold: eine Wärme die sitzt. Die braunen Töne an den Wänden haben die Farbe von altem Leder, von getrocknetem Laub, von Erde nach dem Regen. Eine Farbe die sagt: hier darfst du ankommen.
Wer die Tür öffnet, schaut zuerst nach oben.
Die Decke. Das Gemälde. Eine biblische Szene, Jahrhunderte alt, Engel und Licht und die grosse Stille die entsteht wenn das Göttliche auf das Menschliche trifft. Man kann stundenlang im Bett liegen und dieses Gemälde betrachten und jedes Mal etwas Neues entdecken – einen Gesichtsausdruck, eine Hand, eine Falte im Gewand die der Maler mit einer Sorgfalt gemalt hat die man erst beim zweiten Hinschauen erkennt.
Das Bett ist ein Ort für sich. Vorhänge aus schwerem Stoff, die man zuziehen kann und dann ist die Welt klein und warm und nur noch man selbst. Kein Licht von aussen. Kein Lärm. Nur das leise Atmen des alten Hauses, das sich nachts zusammenzieht wie ein Mensch der schläft.
Das kleine Türmchen in der Ecke gibt dem Zimmer seinen Charakter. Ein Türmchen wie aus einem Märchen – runde Steinwände, ein Fensterchen das auf den Garten schaut, eine Nische in der man sitzen kann und die Welt vergisst. Kinder lieben diesen Winkel. Erwachsene auch, wenn sie ehrlich sind.
Und dann: die zwei grossen Fenster.
Wer morgens die Vorhänge öffnet, sieht das Tal. Die Wälder, grün im Sommer, golden im Herbst, schwarz und weiss im Winter. Die Hügel dahinter, immer ein wenig blauer als erwartet. Den Himmel der hier, so weit draussen, noch Himmel sein darf. An klaren Morgen liegt ein leichter Nebel über dem Tal – nicht bedrohlich, eher wie ein Schleier über etwas Kostbarem – und löst sich langsam auf während man noch mit dem Kaffee in der Hand dasteht.
Dieses Zimmer ist nicht für alle.
Es ist für die Liebsten. Für die besten Freunde, die man nicht wie Gäste behandelt weil sie keine sind. Für die die kommen und sagen: Ich bin müde, ich brauche Stille – und hier genau das finden. Für die die bleiben wollen, länger als geplant, weil morgens das Tal so schön ist und abends das Haus so warm.
Lucien und Nicolys sind im nächsten Zimmer. Die Tür ist nie weit.
Wer hier schläft, schläft gut. Wer hier aufwacht, will bleiben.